
Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich einer sumerischen Inschrift begegnete. Es war in der Bibliothek des British Museums, wo ich vor einer Tontafel stand, die im Museumskatalog als UR/7854 registriert war. Diese etwa viertausend Jahre alte Tafel enthielt die Aufzeichnung eines Getreideverkaufs. Die einfachste Transaktion: drei Scheffel Weizen, fünf für Gerste. Es gab kaum Unterschiede zum heutigen Buchhaltungssystem.
Doch als ich diese Inschrift las, war ich nicht nur ein antiker Buchhalter, sondern stand am Eingang zu einem der komplexesten Labyrinthe der historischen Linguistik. Denn jede Zeile dieser Tafel war in einer Sprache geschrieben, deren Verwandtschaft unklar, deren Ursprung nicht vollständig geklärt und von der in der modernen Welt kein einziger Sprecher mehr übrig geblieben ist: Sumerisch.
Dreißig Jahre später, heute, in einer anderen Museumsbibliothek, vor einer anderen Tontafel sitzend, hat jenes erste Erstaunen einem tiefen Staunen Platz gemacht. Im Jahr 2026, sitze ich immer noch vor diesen Tontafeln und frage mich, was die Zukunft für die Erforschung dieser alten Sprache bringt.